115th Annual Conference - Honolulu, Hawaii
Friday, November 10 - Sunday, November 12, 2017

Grillparzers Orient: Von Kolchis nach Konstantinopel

Brigitte Prutti, University of Washington

Die literarische Reiseroute des habsburgischen Dramatikers führt vom legendären Kolchis bis an den mythischen Hellespont und über das märchenhafte Samarkand in die Hauptstadt des ottomanischen Reiches. In der imaginären Geographie seiner Stücke erfindet Grillparzer den Orient, ehe er als moderner Reisender mit dem Dampfschiff von Wien nach Konstantinopel fährt.

Proposal: 

 

 

Samarkand hat Märchenklang. Aber es gibt auch den historischen Ort dieses Namens, an der mythischen Seidenstraße gelegen und als Kreuzungspunkt der Kulturen in Zentralasien zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt, sowie die ganz moderne usbekische Stadt mit ihrem postsowjetischen Flair. Das märchenhaft-exotische Samarkand ist das Wunschziel des jungen persischen Helden in Grillparzers Traumstück aus dem Jahr 1834. Der Weg seines Schöpfers auf der letzten seiner vier groβen Reisen im Jahr 1843 jedoch führt nicht in das orientalische Märchenreich seiner Phantasien, sondern direkt nach Konstantinopel, in die Hauptstadt des benachbarten ottomanischen Reiches, bis ins frühe achtzehnte Jahrhundert noch der gefürchtete Erz- und Erbfeind der habsburgischen Dynastie. Hundert Jahre später zieht es Grillparzer und viele seiner habsburgischen Zeitgenossen nach Konstantinopel. Grillparzer ist mit dem modernsten Verkehrsmittel seiner Zeit, einem Dampfschiff auf der Donau, von Wien nach Konstantinopel unterwegs, und über Athen und Triest kehrt er nach Wien zurück, nachdem die Reise wegen Unruhen in Griechenland vorzeitig abgebrochen werden muss. Der literarische Weg des österreichischen Dramatikers in die Hauptstadt des ottomanischen Reiches ist mit verschiedenen Umwegen verbunden und in der imaginären Geographie seiner Stücke aus den 1820er und 1830er Jahren zu suchen: Er führt ihn vom romantischen Orient im legendären Kolchis (Das goldene Vlieβ, 1821) in den Leandertum an den mythischen Hellespont (Des Meeres und der Liebe Wellen, 1831) bis ins orientalistische Samarkand (Der Traum ein Leben, 1834) und schlieβlich in die Hauptstadt des ottomantischen Reiches (Tagebuch auf der Reise nach Konstantinopel und Griechenland, 1843). Grillparzers literarische Reiseroute im geistigen Horizont des habsburgischen Orientalismus und des europäischen Exotismus um 1800 steht hier zur Diskussion.

 

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